Waffenlieferungen: Was kann Deutschland noch leisten – und was nicht?

Das Thema der Lieferung von (schweren) Waffen hat kürzlich erneut Einzug in die öffentliche Debatte gefunden. Nicht zuletzt die militärischen Fortschritte der Ukraine im Osten und Süden des Landes haben noch einmal unterstrichen, wie zweckmäßig die fortwährende materielle Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte ist.


Die Ukraine ist für ihre laufende, sowie für etwaige künftige Operationen dringend auf die Lieferung weiterer Waffen und Munition angewiesen. Kyiv benötigt im Moment zuvorderst mobile Waffensysteme, um ihre hoch dynamischen Operationen weiterhin erfolgreich durchführen zu können. Zudem haben sich westliche Artilleriesysteme als bemerkenswert wirkungsstark erwiesen. Allerdings stellt sich die Frage, wie viel aus den vorhandenen Beständen überhaupt noch geliefert werden kann. Und wie weit diese Lieferungen die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr einschränken könnten.


Der Kampfpanzer Leopard 2 (A6/A7/A7V) gilt als einer der besten Kampfpanzer (militärische Abkürzung: KPz) der Welt. Die Bundeswehr verfügt momentan über 280 Exemplare, von denen ca. 230 einsatzbereit sind. Zwar könnte Deutschland von diesen Panzern einige abgeben. Da wir indessen bereits außergewöhnlich wenige Panzer für die deutschen Panzerverbände haben, würde eine Abgabe die Einsatzbereitschaft der Verbände gegen Null laufen lassen. Eine Abgabe erscheint daher fragwürdig. Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund, dass Teile dieser Verbände in Litauen im Rahmen der Mission „Enhanced Forward Presence“ die NATO-Ostflanke sichern.


Der Kampfpanzer Leopard 1 wurde seit 1984 durch den moderneren und kampfstärkeren KPz Leopard 2 ersetzt und wird von der Bundeswehr nicht mehr genutzt. Die Industrie hat allerdings noch ca. 50 Exemplare auf Lager. Diese könnten – nach Industrieangaben – sukzessive instandgesetzt und an die Ukraine geliefert werden. Zwar handelt es sich um ein älteres und keineswegs mehr modernes Waffensystem, welches weit hinter heutigen Standards zurückbleibt. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass auch Russland mit Material aus den Jahren nach dem 2. Weltkrieg kämpft. Zudem bittet die Ukraine um dieses System; wir brauchen es nicht. Ob die Ukraine dieses System sinnvoll einsetzen mag oder nicht, sollte die Ukraine selbst entschieden. Einer Abgabe stünden mithin „nur“ politische Erwägungen entgegen.


Der Schützenpanzer (SPz) Marder ist ein effektiver und schneller Truppentransportpanzer mit 20mm-Maschinenkanone und Panzerabwehrfähigkeit (Milan). Die Bundeswehr besitzt davon ca. 360 Exemplare, die zu einem nicht unerheblichen Teil noch von der Panzergrenadiertruppe genutzt werden. Allerdings ist das Nachfolgemodell (SPz Puma) bereits fertig entwickelt, beschaffbar und in die Truppe eingeführt. Die Abgabe aller deutschen Schützenpanzer (SPz Marder) ist also über einen mittelfristigen Zeitraum möglich, soweit die Nachbeschaffung über die neueren SPz Puma gesichert ist. Eine Abgabe ohne Ersatz würde die Einsatzbereitschaft indes erheblich mindern.

Ungeachtet dessen besteht bei der Industrie noch ein Restinventar von ca. 100 SPz Marder, die kurzfristig einsatzbereit gemacht und sukzessive an die Ukraine geliefert werden könnten. Die Industrie hat nach eigenen Angaben auf eigene Kosten bereits die ersten 14 SPz Marder instandgesetzt und wartet nunmehr auf die Ausfuhrgenehmigungen der Bundesregierung. Kurzfristig könnte Deutschland mithin ca. 100 SPz Marder der Industrie sowie mittel- und langfristig ca. 360 SPz Marder aus Bundeswehrbeständen an die Ukraine liefern.


Der Transportpanzer Fuchs ist ein gut gepanzerter Truppentransporter mit Minenschutz und bietet 10 Soldaten Platz. Er kann mit zwei Maschinengewehren und einer Panzerabwehrwaffe (Milan) bewaffnet werden. Die Bundeswehr besitzt ca. 900 Exemplare. Ca. 800 Exemplare sollen davon in den kommenden Jahren ausgemustert und durch das Nachfolgemodell GTK Boxer ersetzt werden. Dieses Modell ist bereits seit Jahren in der Truppe vorhanden und bewährt. Einzig die Pioniertruppe wird aufgrund der Schwimmfähigkeit des TPz Fuchs diesen weiterhin nutzen (der GTK Boxer ist aufgrund seines Gewichts nicht schwimmfähig). Zudem werden viele der noch in der Truppe vorhanden TPz Fuchs momentan kaum bis gar nicht genutzt. Mithin besteht die Möglichkeit kurzfristig eine mittelhohe Anzahl und langfristig bis zu 800 TPz Fuchs an die Ukraine zu liefern.


Das Allschutz-Transport-Fahrzeug Dingo ist ein gepanzertes Radfahrzeug, welches alternativ mit einem Maschinengewehr oder einer Maschinenkanone ausgestattet werden kann. Es bietet acht Soldaten Platz. Die Bundeswehr besitzt davon über 500 Exemplare, welche in Teilen nicht mehr im Regelbetrieb genutzt werden. Größten Teils wurde dieses Fahrzeug für Krisen- und Stabilisierungseinsätze bzw. zur Vorbereitung dieser genutzt (Afghanistan/Mali). Da diese Einsätze mittlerweile nicht mehr so viel Material binden, wie es noch vor einigen Jahren der Fall war, stünden auch über die 50 Exemplare, die jetzt geliefert werden sollen, weitere Fahrzeuge zur Verfügung, deren Abgabe für die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr wohl vertretbar wäre. Zudem ist die Wiederbeschaffung verhältnismäßig einfach möglich, da der ATF Dingo dauerhaft produziert wird.


Der Panzerhaubitze 2000 ist ein selbstfahrendes gepanzertes Artilleriegeschütz mit 155 mm-Kanone. Die Bundeswehr besitzt ca. 90 Exemplare, von denen bereits sieben an die Ukraine geliefert wurden; die Lieferung vier weiterer Geschütze dieses Types wurde gestern in Berlin beschlossen.

Vor dem Hintergrund des geplanten Aufwuchses der Artillerietruppe sind weitere Lieferungen aus Beständen der Bundeswehr in Anbetracht der bereits bestehenden mangelhaften Einsatzbereitschaft mit äußerster Vorsicht zu erwägen. Angesichts der außergewöhnlichen Effizienz, mit der die Panzerhaubitze 2000 in der Ukraine eingesetzt wird, könnte dennoch überlegt werden, ob nicht noch einige wenige Exemplare mehr abgegeben werden könnten, soweit eine Wiederbeschaffung in den kommenden Monaten möglich ist.


 

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Foto der Panzerhaubitze 2000: Ralf Dillenburger

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