Ukraine: Welche Rolle spielen Drohnen?

Ob "NATO-Flugverbotszone"oder "Ghost of Kyiv": Der Luftraum über der Ukraine spielt spätestens seit der Invasion Russlands eine entscheidende Rolle bei der Betrachtung und Bewertung der militärischen und politischen Gesamtlage. Von besonderer Relevanz sind dabei auch militärische Drohnen (in der Fachsprache UAVs genannt), die nach dem Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien bereits zum zweiten Mal in kürzerer Zeit in einem zwischenstaatlichen militärischen Konflikt verwendet werden. Zur Erinnerung: Frühere Bewertungen gingen davon aus, dass UAVs zukünftig vor allem in der Terrorismusbekämpfung eingesetzt würden, da sie für konventionelle Kriege nicht geeignet seien.


Zum Glück für die ukrainischen Streitkräfte liegt Russland in der Drohnen-Technologie zurück; Drohnen sind somit ein Schwachpunkt des russischen Militärs. Für Eigenentwicklungen war Russland lange Zeit auf israelisches Know-how angewiesen.


Die Rechercheorganisation "Conflict Armament Research" (CAR) untersuchte in einer drei Jahre andauernden Recherche in der Ostukraine sechs verschiedene Modelle russischer Militärdrohnen sowie ein nicht-militärisches Modell. Finanziell unterstützt wurde die Arbeit von der EU und dem Auswärtigen Amt in Berlin.


Die russischen Drohnen werden zwar in Russland zusammengesetzt, dennoch stammen essenzielle Bestandteile wie Kameras und Triebwerke häufig aus anderen Ländern, darunter auch aus Deutschland. Die abgestürzte Aufklärungsdrohne, die mit der Nummer 2166 gekennzeichnet war, entsprach genau dieser Zusammensetzung.


Auch hatte der Kreml in früheren Drohnen Elektromotoren aus Deutschland und Österreich oder auch Navigationselektronik aus der Schweiz verbaut. Dies könnte künftig, der Sanktionen wegen, nicht mehr so einfach sein. Dafür verfügt Russland inzwischen vermehrt über einheimische Produktionsstätten. Im Syrien-Krieg setzte es eine Vielzahl von Überwachungsdrohnen ein.


Insgesamt fehlt es dem Kreml vor allem an Langstrecken-Drohnen als auch an der technischen Expertise, die USA oder die VR China auf diesem Gebiet mittelfristig ein- oder sogar überholen zu können.


Wie setzt Russland seine Drohnen zurzeit ein?


Seitens der russischen Streitkräfte fanden bereits mehrere Angriffe auf die Ukraine nahe der Grenzen der NATO-Staaten statt. Und die russischen Drohneneinsätze in NATO-Nähe häufen sich: in Yavoriv rücken die Kämpfe gefährlich nah an die Grenze zu Polen und damit an das NATO-Gebiet heran. Weitere besorgniserregende Drohnenflüge wurden in der Luftraum der Nordatlantik-Vertragsstaaten Polen und Rumänien gemeldet. Die New York Times berichtete, dass eine mutmaßlich russische Drohne von der Ukraine erst über Polen geflogen sei, bevor es zurück in den ukrainischen Luftraum ging. Dort wurde sie nach Angaben des ukrainischen Militärs von der ukrainischen Armee abgeschossen.


Drohnen drangen aber auch in den ungarischen und kroatischen Luftraum ein - eine Drohne stürzte am 10. März gar in Kroatiens Hauptstadt Zagreb ab, ganze 570 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Offenbar unentdeckt von den Luftabwehrsystemen in Kroatien, Ungarn und Rumänien – weit in die Lufträume der Mitglieder des westlichen Militärbündnisses hinein. Wie kann es sein, dass die Drohne nicht bereits auf dem Weg nach Zagreb abgeschossen wurde?


Die Drohne drang mit einer Geschwindigkeit von 700 km/h aus dem benachbarten Ungarn in den kroatischen Luftraum ein und befand sich in einer Höhe von 1.300 Metern. Die Drohne stürzte im Wohnviertel Yarun' im Südwesten Zagrebs ab. Die kroatische Nachrichtenseite Index vermutet hier, dass die Drohne nicht in den ähnlich klingenden Zagreber Stadtteil Yarun', sondern in einen ukrainischen Ort namens Yarun' fliegen sollte, und befürchtet nun, dass Kroatien im Fall des Falles nicht auf eine Ausweitung des Konflikts vorbereitet sein könnte. Kritiker weisen darauf hin, dass in Zagreb keine Luftschutzsirenen ertönten und viele kroatische Schutzräume baufällig geworden sind. Aber auch die Luftabwehr der NATO scheint an ihrer Südostflanke ein Update zu brauchen.


Die Ukraine selbst setzt bei ihrer Verteidigung ebenfalls auf Drohnen, vor allem auf türkische Modelle vom Typ Bayraktar TB2. Da Russland nach wie vor nicht vollständig den Luftraum der Ukraine kontrolliert, setzt die ukrainische Armee ihre UAVs vor allem zum "Überfall" auf russische Militärfahrzeuge ein. In einer für die Ukraine alles andere als vorteilhaften Gesamtlage zeigt sie sich im Umgang mit Drohnen in der Gesamtbilanz deutlich erfolgreicher als der russische Angreifer, dem hier eine Schwachstelle attestiert werden kann.


Die Lieferung von Waffensystemen durch die Vereinigten Staaten im Wert von 800 Millionen US-Dollar, welche vor alle weitere Drohnen und Flugabwehrsysteme beinhaltet, kann bei der Verteidigung des Luftraums einen echten Unterschied bedeuten und der Ukraine weitere Gelegenheiten bieten, ihren operativen Vorteil auszuspielen.

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