Marine über Bord?

Der Maritime Gefechtsraum im Ukraine-Krieg

von Paul Simon Schmidt, Fabio Stark und Chris Becker


Während der von Russland geführten Krieg gegen die Ukraine in seine zwölfte Woche und parallel dazu in eine neue Phase eintritt, dominieren Bilder von Operationen zu Land die öffentliche Debatte ebenso wie jene in Fachkreisen. Bereits im Vorfeld des russischen Landeinfalls waren es vor allem Aufnahmen von militärischen Landfahrzeugen, die sich nicht nur auf die Ukraine zu-, sondern auch die Menschen bewegten. Der Luftraum spielte medial eine geringere Rolle, kaum beachtet wurde zunächst die See. Dabei lohnt sich der Blick auf die maritime Kriegsführung in der Ukraine, da sie wichtiger ist, als es manche Kommentatoren vermuten lassen.


Zum Verständnis und besseren Einordnung ist es ratsam, sich noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, auf welchen geostrategischen Grundlagen die aktuelle Invasion beruht: Die 2014 von Russland annektierte Krim ist historisch so bedeutsam, weil sie Moskau traditionell einen Zugang zu ganzjährig eisfreien Häfen ermöglicht, dort schon seit frühesten Sowjet-Zeiten ein immenser Teil der russischen Flotte stationiert und deshalb das Gebiet um Sevastopol wirtschaftlich und kulturell vom russischen Militär geprägt ist (hier explizit schon zu Sowjet-Zeiten in Abgrenzung zum "ukrainischen Teil" der Union zu verstehen; große Teile der Krim waren bis zum Zerfall der UdSSR militärisches Sperrgebiet.) Die ukrainische Küste ist dabei auch Russlands traditionell einzig realistische Möglichkeit, maritime Macht konsequent in den Mittelmeerraum zu projizieren.

Die Krim, der ukrainische Süden und das zugehörige Seegebiet ist für Moskau überdies wirtschaftlich interessant, da sich dort riesige Öl- und Gasvorkommen finden lassen - eine Perspektive, welche in der russische Energie-Elite durchaus zu einem gewissen Durchhaltevermögen beitragen könnte.


Zu Erwähnen ist auch, dass die russische Marine parallel zum Geschehen in der Ukraine weltweit Übungen durchführt - so wenige Tage vor Kriegsbeginn vor der Küste Irlands und aktuell, zum Leidwesen Japans, vor der Haustüre des pazifischen Nachbars.


In den Fokus der Öffentlichkeit hat sich der sog. „Maritime Gefechtsraum“ letztlich durch das russische Kriegsschiff „Moskva“ navigiert - gleich zwei Mal, am 24. Februar und 14. April.

Die „Moskva“, ein Lenkwaffenzerstörer der Slava-Klasse, hatte ukrainische Grenzschützer auf der Schlangeninsel zu Beginn des russischen Angriffskrieges fortwährend unter Beschuss genommen und wiederholt aufgefordert, sich zu ergeben – was jedoch lediglich eine markante Antwort der ukrainischen Soldaten zur Folge hatte.


In der Konsequenz beschossen die russischen Marineeinheiten, allen voran die „Moskva“ die ukrainischen Soldaten, welche in Folge dessen für tot erklärt wurden. Geschützt durch ihre Feldbefestigungen überlebten sie jedoch und wurden in einem Gefangenenaustausch befreit. Zu Helden stilisiert, brachte die ukrainische Regierung am 12. April in ihrem Angedenken eine neue Briefmarke heraus, welche nicht nur die ukrainischen Grenzschützer nebst ihrem inzwischen legendären Spruch aufzeigte, sondern auch den russischen Lenkwaffenzerstörer „Moskva“ im Hintergrund.


Doch die „Moskva“ wurde (gemäß seitens der USA bestätigten Berichten) am 14. April von zwei Neptun-Anti-Schiffs-Raketen getroffen und ging in den darauffolgenden Tagen verloren. Zu beobachten ist somit eine neue Eskalationsstufe im Ukraine-Krieg, welche sich im Besonderen durch den Beschuss von Alligator- und Ropucha-Klasse-Landungsschiffen im Hafen von Berdjansk abzeichnete.


In Folge des Angriffes gegen diese stationären Ziele ging ein Schiff der Alligator-Klasse für die russische Marine verloren. Hierbei konnte jedoch nicht endgültig geklärt werden, ob das Schiff Ziel einer ballistischen Boden-Boden-Rakete oder einer Anti-Schiffs-Rakete war. Einen Lenkwaffenzerstörer der Slava-Klasse im offenen Gewässer zu bekämpfen und zu versenken, zeugt jedoch von deutlich umfassenderen Fähigkeiten des ukrainischen Militärs, als „bloß“ ohne (signifikante) Verteidigungsmittel ausgestattete Landungsschiffe zu attackieren.

Der Umstand, dass diese Kompetenz, speziell der ukrainischen Marine, welcher das Anti-Schiffs-Raketensystem R-360-Neptun untersteht, erst jetzt im Laufe des Konfliktes eingesetzt werden, hat verschiedene Gründe. Zuallererst erfolgte die planmäßige Auslieferung der „Neptun"-Systeme an die Ukraine erst Anfang April. Daraus ergibt sich ein sehr kleines operatives Zeitfenster, da die Besatzung jenes Systems zunächst an dem Gerät ausgebildet werden muss. Darüber hinaus birgt jede Aktivierung des Feuerleit- und Zielsuchradars des Waffensystems die Gefahr, durch das russische Militär aufgeklärt und bekämpft zu werden. Der Einsatz der „Neptun“ muss also mit äußerster Vorsicht gegen hochwertige, im Idealfall bereits vorab identifiziere Primärziele erfolgen.


Der Einsatz der Neptun und die weitere Bedrohung für die russische Marine, welche von diesem System ausgeht, könnte den ukrainischen Landstreitkräften nun im weiteren Verlauf des Krieges eine erhebliche Entlastung bringen. Die „Moskva“ und weitere Schiffe deckten mit ihrem (in der Sowjetunion entwickelten) S-300 Flugabwehrsystem nicht nur den Luftraum einer möglichen Landung bei Odesa und sammelten unterhalb der ukrainischen Küste Informationen über ukrainische Truppenbewegungen, sondern gaben den eigenen russischen Truppen dank ihrer reichweitenstarken Boden-Boden-Raketen Feuerunterstützung. All dies würde nun durch das R-360-Neptun System enorm erschwert werden, da es den ukrainischen Streitkräfte eine aktive Access-Denial-Fähigkeit zur Verfügung stellt.


Die sogenannte "AC-Kompetenz" kennzeichnet die Fähigkeit einer Nation oder einer Kriegspartei, strategische Seegebiete durch den Einsatz von eigenen Waffensystem oder Kräften vor dem Zugriff von feindlichen maritimen Einheiten zu schützen. Dies war den Ukrainern bislang nur unzulänglich durch das Auslegen von Seeminen möglich (wodurch aber die Gefährdung für russische Schiffe exponentiell in dezidierten Räumen steigt).


Doch wird dadurch nicht nur die ukrainische Küste für russische Schiffe gesperrt, sondern auch die ships line of communication (SLOCs) - sprich die russischen maritimen Versorgungslinien - werden unterbrochen oder zumindest stark behindert. Die russische Seite hatte wiederholt BRT-Schützenpanzer sowie weitere militärische und logistische Güter in besetzte ukrainische Häfen wie Berdjansk angelandet. Diese Möglichkeit würde den russischen Truppen somit genommen werden, wollen sie nicht Gefahr laufen, ebenfalls von ukrainischen Raketen versenkt zu werden und somit die Logistik der russischen Bodentruppen in ihrer ohnehin angespannten Lage weiter zu beeinträchtigen. Diesem Aspekt - der seeseitigen Deckung von Landstreitkräften sowie der Versorgung und dem Anlanden von Truppen - kommt in der nun anlaufenden Phase des Krieges eine besondere Bedeutung zu, da die russische Führung sich auf den geographischen Süden des angegriffenen Landes zu fokussieren scheint.


Die Möglichkeit der russischen Marine, einstweilen einen Ersatz für die „Moskva“ heranzuführen, welcher eine gleichwertige Rolle übernehmen könnte, ist begrenzt. Denn der Zugang zum Schwarzen Meer über die Dardanellen wurde von der türkischen Regierung am 01. März 2022 für russische Kriegsschiffe gesperrt.


Einzig die Inbetriebnahme des Schwesterschiff der „Moskva“ würde auf mittlere Sicht die nun existierende Fähigkeitslücke in der russischen Schwarzmeerflotte schließen. Es trägt den Namen „Ukrayina“ und liegt Stand heute zu 95 Prozent fertiggestellt in Mykolayiv, einer Stadt in relativer Nähe zu Kherson und Odesa, vertäut.


Westliche Beobachter hingegen, egal ob in der Fachwelt, Politik oder in den Medien, sind gut beraten, wenn sie auch in ihren Beobachtungen eine Lücke schließen und den maritimen Gefechtsraum stärker im Blick behalten.


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